„Versorgung 2.0“

So therapiert Professor Dr. Christine Knaevelsrud psychisch Kranke via Internet.

Als die „Integrierte Versorgung“ vor zehn Jahren Fahrt aufnahm, galt es, die Zusammenarbeit zwischen Leistungserbringern zu stärken. Inzwischen sind längst auch die Patienten integriert und profitieren davon sogar zuhause. So therapiert Professor Dr. Christine Knaevelsrud psychisch Kranke via Internet. Ein Beispiel dafür, wie die TK neue Versorgungsformen erprobt und bei Erfolg in die Routineversorgung überführt.

Am Anfang stand da nur der abstrakte Begriff: Mit „Integrierter Versorgung“ sollten Abläufe im Gesundheitswesen geregelter, die Kommunikation der Leistungserbringer untereinander besser und Synergien gehoben werden. Es ging darum, Brücken zu bauen zwischen den einzelnen Bereichen im Gesundheitswesen, die Experten bis heute als „Sektoren“ bezeichnen.

Und so war es für die Patienten im Gesundheitsalltag dann auch: Wenn sie vom Hausarzt ins Krankenhaus und dann in eine Anschlussheilbehandlung, also eine Kur, gingen, war das wie ein Grenzübertritt. Kommuniziert wurde mit „Überweisungen“ und „Arztbriefen“. Letztere durften alle lesen, nur der Patient erhielt sie im verschlossenen Umschlag – mehr Bote als Hauptperson.

Der Blick zurück: zehn Jahre Integrierte Versorgung

Zehn Jahre danach wird im Rückblick deutlich, dass die Gründerväter der Integrierten Versorgung echte Pionierarbeit geleistet haben. „Ausprobiert wurde vieles, Tabus wurden gebrochen und manches auch wieder verworfen“, sagt Klaus Rupp, der das Versorgungsmanagement bei der TK leitet. So kamen in ersten Projekten etwa Krankengymnasten vor der Hüft-OP ins Krankenhaus, um den Patienten fit zu machen für die Übungen danach. Und kleine Gesundheitshelfer für zuhause übermittelten Herz-Kreislauf- und Sauerstoffwerte an telemedizinische Zentren. Und vollkommen neue Behandlungsmethoden fanden über diesen Weg ihren Eingang ins Gesundheitswesen: Gebärmutter-Tumore können seither per Computermaus mit Ultraschall „weggeklickt“ werden, Strahlenmesser entfernen operationslos Hirntumore oder robotikgestützte Systeme helfen Schlaganfallpatienten, wieder beweglicher zu werden.

Strahlentherapeut Dr. med. György Lövey über die Vorteile eines neuen Verfahrens bei Gebärmuttermyomen.

Zehn Jahre nach den ersten Gehversuchen der Integrierten Versorgung ist klar, dass die Reise gerade erst begonnen hat. „Doch an vielen Stellen hat das Gesundheitswesen heute schon ‚grüne Grenzen’, die den Übergang von einem Sektor zum anderen erleichtern und medizinische Hilfe schneller und einfacher erreichbar machen“, ist Rupp überzeugt.

Beispiel Depressionen – so helfen Online-Angebote

Bei psychisch kranken Patienten zum Beispiel ist das Thema Erreichbarkeit von Leistungen eines der Hauptprobleme. Zwar gibt es ausreichende Therapieangebote, doch häufig warten Patienten länger, bis ein Behandlungsplatz frei wird. Zeiträume, die oft mit der Folge verstreichen, dass sich Probleme manifestieren oder verschlimmern. Im schlimmsten Fall führt dies zu – eigentlich vermeidbaren – Krankenhausaufenthalten. Ein neuer Ansatz ist hier, die Therapie online zu ergänzen – also Patienten im Vor- oder Frühstadium mit Coaching-Angeboten zu unterstützen und Rat zu geben, wie es etwa der TK-BurnoutCoach tut.

Noch weiter führt der Ansatz einer Kontrollgruppenstudie der TK in Kooperation mit der Freien Universität Berlin: Gemeinsam erforschen sie, inwieweit Patienten von einer psychologischen Intervention via Internet profitieren können. „Beim TK-DepressionsCoach kommunizieren Therapeut und Patient online, indem sie Gedanken zu Themen und gestellten Aufgaben schriftlich notieren und austauschen“, so die Studienleiterin Professor Dr. Christine Knaevelsrud von der Freien Universität Berlin. Sie hat bereits international Erfahrung mit dieser Form von Schreibtherapie gesammelt.

Ein Netzwerk gegen den Klinikaufenthalt

Ein ähnliches Ziel hat das „Netzwerk psychische Gesundheit“: Mit seiner gemeindepsychiatrischen Ausrichtung geht es darum, Betroffene sektoren-übergreifend in ihrer jeweiligen Lebenssituation zu betreuen. Inzwischen gibt es in zwölf Bundesländern solche Netzwerke, die Menschen mit psychischen Erkrankungen helfen, ihren Alltag im gewohnten Umfeld zu meistern und so zu vermeiden, dass sie stationär behandelt werden müssen.

Monitoring und Lebenshilfe durch Telemedizin

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels erhalten die Therapie und das Monitoring von Erkrankten zuhause auch bei Zivilisationskrankheiten eine immer größere Bedeutung. Neben der rein technischen Erfassung von Vitalwerten etwa bei Herz- und Kreislauferkrankungen oder bei Asthma und der anschließenden Analyse durch telemedizinische Zentren setzt die TK hier verstärkt auf Coaching-Programme: Dabei werden Patienten identifiziert, die statistisch ein hohes Risiko haben, demnächst ins Krankenhaus eingewiesen zu werden. Sie erhalten das Angebot zu einem Online-Coaching oder auch zu einem mehrmonatigen Telefon-Coaching.

Wissenschaftlich gesicherte, gute Erfahrungen gibt es hier inzwischen mit Diabetikern, Hypertonikern und Menschen mit starkem Übergewicht. Bewegung ist hier die beste Therapie.

Hightech vermeidet Klinikaufenthalte und belastende Interventionen

Wo eine Änderung der Lebensgewohnheiten zur Genesung nicht ausreicht, hat der medizinische Fortschritt bei vielen Krankheiten dafür gesorgt, dass Patienten nicht mehr im Krankenhaus bleiben müssen. So operieren Ärzte bei dem Modell der Integrierten Versorgung „Behandelt wie ein Spitzensportler“ nach neuestem Standard ambulant und auch die Krankengymnastik aus der Sportmedizin ist inbegriffen, um schnell wieder auf die Beine – und in die Turnschuhe – zu kommen.

Bei Brustkrebspatientinnen geben Biomarker-Tests und Magnetresonanzmammografien Aufschluss darüber, ob ein Brustkrebs vorliegt oder wiederkehrt, und helfen dabei, belastende Interventionen wie Biopsien oder eine Chemotherapie zu vermeiden. „Hier haben Verträge der Integrierten Versorgung ganz konkret dazu beigetragen, medizinisches Neuland zu betreten“, sagt TK-Versorgungsexperte Klaus Rupp.

Fokussierter Ultraschall statt Skalpell

Ein Beispiel ist die Therapie von Myomen in der Gebärmutter: Mit dem neuen Therapieverfahren „MRgFUS“ (Magnet-Resonanz-Tomografie-gesteuerter fokussierter Ultraschall) lassen sich Myome in der Gebärmutter unschädlich machen – ohne Operation, schmerzarm und ambulant. „Die Behandlungsmethode nutzt hochfokussierte Ultraschallwellen, um die gutartigen Tumore zu veröden“, erklärt Dr. György Lövey, Leiter des FUS Zentrums Bottrop und einer der Kooperationspartner der TK.

Das Verfahren ist eine Alternative gerade für Frauen mit Kinderwunsch. Von ihnen fahren viele für diese Therapie auch bis zu mehrere hundert Kilometer weit, anstatt sich die Gebärmutter entfernen zu lassen, was in Deutschland bisher immer noch die Standardtherapie ist.

Integrierte Versorgung 2.0 – der Patient rückt in den Mittelpunkt

Dieses Beispiel zeigt: Angebote der Integrierten Versorgung sorgen für eine größere Therapieauswahl und nehmen auch den Patienten in die Verantwortung, sich aktiv mit seiner Erkrankung und den Behandlungsalternativen auseinanderzusetzen.

Diesen Trend unterstützt die Techniker Krankenkasse mit umfassenden und hochwertigen Informationen – auch zum Thema Nutzen und Risiken von Therapien –, mit der Veröffentlichung von Patientenbewertungen von Krankenhäusern und Ärzten und nicht zuletzt mit speziellen Kursen, in denen Patienten lernen können, sich auf Arztbesuche vorzubereiten und Arztgespräche richtig zu führen. Dabei immer im Mittelpunkt: der informierte, selbstbestimmte Patient.

Welche Vorteile hat e-Health? Und welche Angebote gibt es dazu? Ein kleiner Einblick, wie Versorgung 2.0 bei der TK funktioniert.