„Wir schlagen eine Brücke zwischen der TK und der Wissenschaft.“

Herr Professor Gerlach, Sie sind seit gut einem Jahr der Vorsitzende des neu berufenen Wissenschaftlichen Beirats der TK. Was hat Sie an der Aufgabe gereizt?

Gerlach: Vor allem die Kombination aus Theorie und Praxis macht die Aufgabe sehr interessant. Wir analysieren unterschiedliche Facetten unseres Gesundheitssystems und informieren den Vorstand über neueste Entwicklungen in Forschung und Wissenschaft, die für die TK und ihre Versicherten aus strategischen Gründen wichtig sind.

Dabei lernen auch wir als Wissenschaftler dazu – beispielsweise über die praktischen Herausforderungen einer Krankenkasse bei der Umsetzung von Gesetzen und Verträgen oder auch im Umgang mit Kunden. Das ist schon sehr spannend. Auch der direkte Austausch mit den Beiratskollegen, die ja allesamt renommierte Fachleute sind, macht immer wieder Spaß. Außerdem überraschen gerade Professor Klink aus den Niederlanden und Professor Valderas aus Großbritannien mit ihrem ganz anderen Blick auf das deutsche Gesundheitssystem und bereichern damit die Diskussionen im Beirat.

Der Beirat hat sehr viel zu Fragen der Versorgungsqualität gearbeitet. Was ist Ihnen da besonders wichtig?

Gerlach: In den jüngsten Sitzungen haben wir uns intensiv mit der Qualität im Gesundheitswesen befasst. Das hört sich zunächst einfach an, aber es ist gar nicht so leicht, Qualität im Gesundheitswesen zu definieren und zu messen. Die Sichtweisen beispielsweise der niedergelassenen Ärzte, der Krankenhäuser und der Krankenkassen sind bei dem Thema teilweise sehr unterschiedlich. Hier im Interesse der Patienten auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, ist eine ständige Herausforderung.

Wir haben uns unter anderem mit den deutlich steigenden Zahlen der Klinikaufenthalte und operativen Eingriffe befasst. Die Frage ist: Wie können wir zukünftig dafür sorgen, dass weder zu viel noch zu wenig gemacht wird? Ziel muss sein, dass zum einen allen Patienten möglichst optimal geholfen wird und zum anderen unnötige Eingriffe unterbleiben.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Themen für die Gesundheitsversorgung der Zukunft?

Gerlach: Eines der wichtigen Zukunftsthemen, mit denen große Hoffnungen und Erwartungen verbunden sind, ist das Thema personalisierte oder genauer stratifizierende Medizin. Dabei geht es beispielsweise darum, dass bei einem Krebspatienten vor einer Chemotherapie zunächst eine Genanalyse vorgenommen wird, um zu prüfen, ob bei diesem Patienten überhaupt ein Nutzen durch die Behandlung zu erwarten ist. Wie gesagt: Die Erwartungen bei diesem Thema sind enorm. Bisher gibt es aber vielfach noch keine aussagekräftigen Studien, die einen Nutzen belegen können.

Außerdem müssen wir die in Deutschland bisher strikten Grenzen zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern abbauen und die hausärztliche Versorgung, vor allem im ländlichen Raum, sicherstellen. Mit Blick auf eine Gesellschaft des längeren Lebens und eine damit einhergehende Zunahme von chronisch Kranken wird daran meiner Ansicht nach in den kommenden Jahren kein Weg vorbeiführen. Das wird, neben zahlreichen anderen Themen, mit Sicherheit auch den Beirat intensiv beschäftigen.